Dyskalkulie: Gibt es das?

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Mathematikdidaktiker behauptet: “Der Schulstoff ist prinzipiell für jeden versteh- und erlernbar.”

Auf Michael Feltens Homepage bin ich auf einen interessanten Hinweis gestoßen:

Auch wenn Eltern durch den Stempel “Dyskalkulie” bisweilen erleichtert sind: Im Kern beruht Rechenschwäche auf “nicht bewältigten stofflichen Hürden”: Schon im Elternhaus spielte der Umgang mit Zahlen vielleicht eine zu geringe Rolle (oder war gar angstbesetzt), in der Grundschule dann wurden Irrtümer bei der Zahlbegriffsbildung oder beim Aufbau des Zahlensystems nicht bemerkt.

Felten verweist auf ein Interview der Süddeutschen Zeitung mit dem Mathematikdidaktiker Wolfram Meyerhöfer (“‘Kinder mit Dyskalkulie werden behandelt, als sei ihnen nichts beizubringen'”, 08.08.2017).

In dem Interview sagt Meyerhöfer, man könne den vorgeblich kranken Kindern das Rechnen erfolgreich beibringen. Die Diagnose “Dyskalkulie” hält er für eine Stigmatisierung. “Die Lehrer sagen: ‘Dieses Kind ist krank, ich kann nichts dafür, dass es nicht rechnen kann.’ Kinder mit einer diagnostizierten Dyskalkulie werden behandelt, als sei ihnen sowieso nichts beizubringen.”

In einem Interview der Zeitschrift Gehirn & Geist (“‘Rechenschwäche gibt es nicht'”, 11/2013) sagt Meyerhöfer:

Nehmen wir das Rechnen: Es gibt ein Phänomen -– nämlich Kinder, die nicht gut rechnen lernen. Nun kann man sich überlegen, warum das so ist. Eine denkbare Annahme wäre, dass etwas in ihrem Kopf nicht funktioniert. Man untersucht also, was das ist, das da nicht funktioniert. Und alles, was man an diesen Kindern entdeckt, wird in die Grundannahme eingeordnet -– so entsteht ein theoretisches Konstrukt namens Rechenschwäche.

Der Schulstoff sei prinzipiell für jeden versteh- und erlernbar. Die Schule unterliege “eigentlich der Verpflichtung, den Stoff so zu lehren, dass alle diese unterschiedlichen Kinder ihn sich auch aneignen können. Diese Verpflichtung erkennen viele Lehrer und die Bildungsadministrationen jedoch nicht. Man tut so, als ob die Schüler eine »Bringpflicht« hätten, so in die Schule zu kommen, wie die Pädagogen sie gern hätten. Wer am Ende nicht passt, wird als unbegabt abgeschrieben.”

Meyerhöfers Gedanken sind nicht neu. 1996 erschien das lesenswerte Buch „Mathematik mangelhaft. Fehler entdecken, Ursachen erkennen, Lösungen finden. Arithmasthenie/Dyskalkulie: Neue Wege beim Lernen“ von Rolf Röhrig (Rowohlt, Reinbek bei Hamburg). Darin heißt es (S. 160):

Mathematik kann jeder lernen. Vorausgesetzt, man stellt das Lernen nicht unter den in der Schule üblichen Zeit- und Zensurendruck. Das Begreifen einer Sache braucht seine Zeit. Wieviel, das entscheiden die Schwierigkeit des Stoffes und die Verständnisprobleme des Schülers.

Im Fazit des Kapitels “Wissenschaftliche Theorien zur Arithmasthenie/Dyskalkulie: Vom Rechenfehler zur Rechenschwäche” ist zu lesen :

Was also leisten die Theorien über die Rechenschwäche? In erster Instanz konstruieren sie sich einen Gegenstand, den es so gar nicht gibt. Aus Rechenfehlern deduzieren sie eine Rechenschwäche, die in nichts als einem neuen Namen für denselben Sachverhalt besteht: Schüler machen Fehler.

Heutzutage müsste es natürlich korrekt heißen: Schüler*innen machen Fehler*innen. Aber das ist ein anderes Thema.

1 Kommentar

  1. Achim

    Ich habe als guter Rechner schon mit 15 Jahren Nachhilfe in Mathe gegeben. Mein Marketingerfolgsrezept war, den Eltern eine Erfolgsgarantie (mindesten Note 4) zu geben. Nur bei völlig unmotivierten Kandidaten lehnte ich eine Zusammenarbeit ab. Meine Erfahrung: Rechnen kann jede(r) lernen!

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