Ministerin Gebauer und die Zwangsdigitalisierung der Schulen: Vorwärts immer, rückwärts nimmer!

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Erinnerungen an die rücksichtslose und gescheiterte Politik der Sylvia Löhrmann werden wach.

Vor etwa einem Jahr habe ich die NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer auf einer Veranstaltung ihrer FDP-Parteifreunde in Brühl erlebt (Bericht hier). Die Ministerin hat auf meine Frage nach dem Nutzen und den Risiken und Nebenwirkungen digitaler Medien im Unterricht ausweichend geantwortet, obwohl das “digitale Lehren und Lernen” laut eigener Aussage ihr wichtigtes Thema sei. Auf die Frage, ob ihr Ministerium bei der Digitalisierung der Schulen eine strategische und eine operative Zielsetzung verfolge, musste sie passen. Von einem Mitglied einer Partei, die mit dem Slogan “Digital first, Bedenken second” in den Landtagswahlkampf 2017 zog, kann man wohl nicht mehr erwarten.

Einen weiteren Beweis ihrer Expertise lieferte die Ministerin vor ein paar Wochen in Form eines Gastbeitrags für den Kölner Stadt-Anzeiger (“‘Wir brauchen einen Digitalpakt 2.0′”, 16.06.2021, online hier). Die Zusammenfassung lautet: Digital first, Bedenken nirgends. Gebauer schreibt zum Beispiel:

Mit vielen Investitionen hat die Landesregierung seit 2017 eine Aufholjagd im Bereich der Digitalisierung der Schulen in Nordrhein-Westfalen gestartet. […] Wenn die Pandemie sowie die Erfordernisse des Lernens auf Distanz etwas Positives mit sich gebracht haben, so ist es dieser „Digitalisierungs-Turbo“.

Ralf Lankau schreibt in seiner lesenswerten Stellungnahme “Digitalisierung ist kein pädagogisches Konzept” zu Anträgen an den Landtag Thüringen: “Die Pandemie Covid-19 ist eine Ausnahmesituation. Es ist selbstverständlich, dass in Ausnahmesituationen zum Teil außergewöhnliche Wege beschritten werden müssen, um die Bevölkerung zu schützen (Einschränkung von Grundrechte durch Rechtsverordnungen) oder z.B. einen modifizierten Schulbetrieb mit Fernunterricht aufrecht zu erhalten. Es ist aber falsch und nicht zu rechtfertigen, solche Ausnahmesituationen zu missbrauchen, um Partikularinteressen, hier der IT-Wirtschaft, dauerhaft zu etablieren.” Das schert die Ministern nicht:

Nun gilt es, dieses Tempo zu halten und weiterhin auf Spur zu bleiben […].

Die Digitalisierung in ihrem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf…

Ich bin sicher: Es geht noch mehr. Und wir müssen auch mehr erreichen.

Ich bin sicher: Es kommen noch mehr Worthülsen.

Digitalisierung ist eine Daueraufgabe und benötigt deswegen eine dauerhafte Finanzierung, die Investitionen unbürokratisch möglich macht. Unsere Maßnahmen für mehr Digitalisierung sind gekommen, um zu bleiben.

Cui bono? Warum wird Digitalisierung als “Aufgabe” betrachtet? In Brühl sagte die Ministerin: “Wir haben die Digitalisierung nicht bestellt.” Genau, die haben wir genauso wenig bestellt wie den motorisierten Individualverkehr und den Klimawandel. Ralf Lankau: “Wichtiger noch wäre zu fragen, was das eigentlich genau heißt: digitalisieren? […] Unterricht und Lernprozesse zu ‘digitalisieren’ bedeutet daher, menschliches Verhalten — in Schulen konkret: Lernverhalten — maschinenlesbar zu machen, also zu verdaten. Die dahinter stehende Ziele sind Automatisierung, Prozessoptimierung, Kostenreduktion und Effizienz.” Das verschweigt die Ministerin.

Digitale Kompetenzen sind Schlüsselqualifikationen und die Voraussetzung, um sich den Herausforderungen einer digitalen Zukunft angemessen stellen zu können.

Technikfolgenabschätzung und kritisches Denken scheinen keine Schlüsselqualifikationen zu sein, um Ministerin zu werden. Wikipedia: “Der wesentliche Hintergrund ist der, dass Technikanwendungen niemals nur ihr Arbeitsziel erfüllen, sondern darüber hinaus Nebenwirkungen für die natürliche und soziale Umwelt haben […]. Ein einfaches Beispiel dafür ist der Autoverkehr: Der Transport erzeugt unerwünschte Verbrennungsprodukte, die in die Atmosphäre abgegeben werden; er belastet die Wohnumwelt durch Lärm; der nötige Straßenbau versiegelt Flächen, beschleunigt den Oberflächenabfluss von Niederschlägen und zerschneidet die Habitate in Flora und Fauna.” Wollen wir überhaupt eine “digitale Zukunft”? Warum wird darüber nicht geredet? Warum stellt die menschengemachte Digitalisierung eine “Herausforderung” dar? Sollte Technik nicht dazu dienen, Probleme zu lösen?

Zuletzt sind noch rund 105 Millionen an zusätzlichen Mitteln für die Administration und den IT-Support an den Schulen hinzugekommen. Die Digitalisierung unserer Schulen erfreut sich derzeit an einem Tempo wie noch nie zuvor.

Die IT-Industrie freut sich mit. 105 Millionen sind Peanuts. Ralf Lankau: “Spricht man mit Firmenvertretern und
Dienstleistern aus dem Verband der Bildungswirtschaft, der die Interessen von mehr als 260 Unternehmen und Organisationen im In- und Ausland vertritt, bekommt man Beträge von bis zu 50 Milliarden genannt, über die allerdings nur intern gesprochen werde, wie der Autor am Rande einer Podiumsdiskussion in Köln im November 2019 erfuhr.”

Aufbauend darauf sind es aber die pädagogischen Konzepte in Kombination mit geeigneter Software, die die tragenden Säulen für das Lehren und Lernen mit digitalen Medien formen.

Dumm ist nur, wenn man auf Sand baut. Spielen analoge Medien in der Welt der Ministerin gar keine Rolle mehr?

Ich bin sicher, dass eine digitale Unterrichtsstrategie dazu führen wird, Schule und Unterricht qualitativ zu verbessern und die Motivation der Schülerinnen und Schüler sowie die Lernerfolge im Unterricht zu erhöhen.

Auf welcher Grundlage ist sich die Ministerin dessen sicher? Gibt es irgendwelche Studien, die diesen angeblichen Nutzen digitaler Medien belegen? Im SPIEGEL (Nr. 35/2020, “Internet macht dümmer”, S. 91) war zum Beispiel zu lesen: “Junge Leute verlernen das Lernen — und schuld daran sind die allgegenwärtigen Smartphones, Laptops und das Internet, all die Geräte, die in der Bildung der Zukunft eine so zentrale Rolle spielen sollen.”

Ralf Lankau: “Seit über 30 Jahren wird jede neue Geräte-Generation (PC, Laptops, heute Tablets) mit identischen Argumenten (innovativ, modern, motivationsfördernd) für den Einsatz im Unterricht reklamiert. Doch entscheidend für Lernerfolge und Bildungsprozesse sind die Lehrer-Schülerbeziehung, die direkte Interaktion zwischen Lehrenden und Lernenden und die Sozial- und Klassengemeinschaft, nicht die technische Ausstattung von Schulen.”

Die Freien Demokraten sind bereits bei der letzten Landtagswahl mit einer klaren Schwerpunktsetzung für mehr Digitalisierung in allen Bereichen – insbesondere auch im Bereich der Bildung – angetreten. Beste Bildung auf der Höhe der Zeit sichert auch die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, die Innovations- und Zukunftsfähigkeit und damit auch den Wohlstand unserer Gesellschaft und deren Möglichkeiten für einen sozialen Ausgleich.

Sehr clever argumentiert: Ohne die FDP und ohne Digitalisierung gibt es keinen sozialen Ausgleich. Do laachs de dich kapott. Lankau zitiert in seiner Stellungnahme einen Artikel der New York Times (“The Digital Gap Between Rich and Poor Kids Is Not What We Expected”): “Kinder ärmerer Elternteile würden an den öffentlichen Schulen Bildschirmen aufgezogen, ‘während die Kinder der Elite des Silicon Valley auf Holzspielzeug und den Luxus der menschlichen Interaktion [d.s. Lehrkräfte] zurückgreifen.'” Aber so etwas muss eine Ministerin nicht bedenken.

All das funktioniert nur, wenn die Digitalisierung von uns allen als das begriffen wird, was sie ist: eine gesamtgesellschaftliche und immerwährende Aufgabe. Von den eigenen Smartphones oder Tablets sind wir es gewohnt, dass sie regelmäßig Updates brauchen und ständig neue Entwicklungen auf den Markt kommen.

Umso mehr ist zu betonen, dass die Digitalisierung an den Schulen nicht aufhören darf, sondern Schritt halten muss mit Neuerungen und aktuellen Anforderungen an einen modernen, zeitgemäßen Unterricht.

Ernsthaft? Die Ministerin hätte auch sagen können: Modisch ist, was in Mode ist, und wir gehen mit, Hauptsache modisch. Wer bestimmt denn die “Neuerungen und aktuellen Anforderungen an einen modernen, zeitgemäßen Unterricht”? Die Softwarehersteller, die neue Updates und ständig neue Entwicklungen auf den Markt werfen? Hat das noch irgendetwas mit Pädagogik und Bildung zu tun?

Im Sinne bester Bildung für unsere Schülerinnen und Schüler können wir uns ein Stocken des Digitalisierungsprozesses nicht leisten. Wir müssen das Tempo gemeinsam fortsetzen.

Vorwärts immer, rückwärts nimmer! Sorry, Frau Ministerin, wer so einseitig und unterkomplex der Digitalisierung das Wort redet, leistet der Bildung einen Bärendienst. Wer Schulen derart bedenkenlos digitalisiert, handelt unverantwortlich. Das erinnert stark an die rücksichtslose und gescheiterte Schulpolitik der Sylvia Löhrmann (Grüne), die von 2010 bis 2017 Schulministerin in NRW war. Gebauers Vorgängerin hat jahrelang mit sinnlosen Maßnahmen versucht, G8 zu optimieren. Die Inklusion hat sie mit der Brechstange eingeführt. Yvonne Gebauer macht es mit der Zwangsdigitalisierung der Schulen nicht besser.



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Zum Weiterlesen:

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Titelfoto: Aus dem Youtube-Video “Are You Lost In The World Like Me 1080p by # Steve Cutts”.

3 Kommentare

  1. Andreas Menschen

    “und schuld daran sind die allgegenwärtigen Smartphones, Laptops und das Internet, all die Geräte, die in der Bildung der Zukunft eine so zentrale Rolle spielen sollen.”

    Dem würde ich wiedersprechen: Nicht die Geräte sind das Problem. Vielmehr ist das Problem, dass deren sinnvolle Nutzung nicht an den Schulen thematisiert wird.

    “Lernverhalten — maschinenlesbar zu machen, also zu verdaten. Die dahinter stehende Ziele sind Automatisierung, Prozessoptimierung, Kostenreduktion und Effizienz”

    Das muss ja in meinen Augen nicht schlecht sein – wie von Ihnen angedeutet.

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    1. Alexander Roentgen (Beitrag Autor)

      Ein Problem ist, dass die Nutzung dieser Geräte nicht immer “sinnvoll” ist, sondern Risiken birgt.

      Die SZ vom 10.7.2017 titelt “Warum einer der Erfinder des iPhones vor seiner Schöpfung warnt” und schreibt: “Tony Fadell war maßgeblich an der Entwicklung des ersten iPhones beteiligt. Zehn Jahre später fürchtet er, dass Smartphones mehr schaden als nützen könnten.”

      In der SZ vom 2. Mai 2014 war unter der Überschrift “Bleistift statt Laptop. Über das Schreiben und Lernen” zu lesen:

      “Berichtet wurde über die Forschungsergebnisse der Psychologen Pam Mueller von der Universität Princeton und Daniel Oppenheimer von der Universität von Kalifornien in Los Angeles: Die Forscher ließen ihre Probanden Vorträge protokollieren — entweder auf dem Rechner oder mit Stift und Papier. Anschließend prüften sie die Teilnehmer mit unterschiedlich konzipierten Aufgaben. Wurde nur das reine Faktenwissen abgefragt, zeigten sich nur geringe Unterschiede. Bei Transferleistungen fiel die Laptop-Gruppe hingegen deutlich ab. Mit der Hand zu schreiben stimulieren wohl die kognitive Verarbeitung, so die Autoren.”

      Aber so etwas interessiert die Ministerin nicht: “Tablets statt Kreide” lautet das Motto der FDP, ihrer Partei.

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      1. Andreas Menschen

        Immer nur draufhauen und alles niedermachen, kann das die Lösung sein? Natürlich bringen diese Geräte auch Risiken, das ist aber nicht anders bei anderen Medien (DVD, CD, Projektor, Fotokopierer, Matrizendrucker, Sprachlabore…). Die Nutzung dieser Geräte kann sinnvoll sein, wenn sie richtig (und vom jeweiligen Lehrer in der aktuellen Situation als geeigenet empfunden) genutzt werden, genau das meinte ich ja und stimme der Kritik an den kleinteiligen Vorgaben in Ihrem Bundesland zu.

        Ihre Artikel lesen sich aber so, als wollten sie alle digitalen Geräte aus allen Schulen verbannen, was ich für einen genau so falschen Weg halte.
        Außerdem ist die Gefahr, die Sie beschreiben nicht vorhanden. Denn das Schulbuch, Papier und Stift sind an allen mir bekannten Schulen noch die hauptsächlich genutzten Medien und das wird nach meiner Einschtzung auch so bleiben.

        Ich habe vor 10 Jahren Abitur gemacht und auch da gabs schon Lehrer, die jede Stunde Beamer und Writebord nutzten (was nicht hieß, dass wir nicht mehr handschritlich mitgeschrieben hätten und keine Bücher mehr genutzt hätten, das wäre ja geradezu absurd), andere setzten auf Tafelanschriebe und analoge Materialien. Beides konnte – nach meinem Empfinden – langweilig, beides konnte bereichernd sein.

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